Die Spaltung der Unteren

von Christel Buchinger

Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist in Gefahr? Von was wir reden und worüber wir schweigen, wenn wir darüber reden.
„Die Rechtsentwicklung in Deutschland und Europa ist ein Warnsignal für den Zusammenhalt der Gesellschaft“, diese Aussage hören wir öfter: von sozial eingestellten Menschen, linken PolitikerInnen, Sozialverbänden, Gewerkschaften.
Aber ist es nicht seltsam, wenn Linke in einer kapitalistischen Gesellschaft, den Verlust des Zusammenhalts beklagen? Um welchen Zusammenhalt soll es da gehen? Zwischen wem? Ist eine kapitalistische Gesellschaft nicht gespalten, tief gespalten in diejenigen, die von ihrer Hände, ihrer Köpfe, ja – und auch ihrer Herzen -Arbeit leben müssen und in diejenigen, die von der Arbeit anderer leben, der Arbeit jener Klasse, die für sie arbeitet und die sie „ausbeuten“? Ein Zusammenhalt einer solchen Gesellschaft nützt in erster Linie der herrschenden weil reichen und die Produktionsmittel besitzenden Klasse. Er ist Grundlage und Teil ihrer Hegemonie, weil er bedeutet, dass die Beherrschten die Herrschaft nicht in Frage stellen. Nun ist sicherlich mit dem genannten Zusammenhalt ein anderer gemeint und nicht der zwischen Beherrschten und Herrschenden. Es ist ein „Zusammenhalt“, der die Herrschenden ausblendet. Die Ausblendung derselben aber bedeutet, ihre Herrschaft nicht in Frage zu stellen. Continue reading

Wie fühlt sich ein Hartz 4 Empfänger, der sieht, wie die Flüchtlinge empfangen werden?

von Christel Buchinger

Wie fühlt sich ein Hartz 4 Empfänger, der sieht, wie die Flüchtlinge empfangen werden? Freundlich, offen, auch erwartungsvoll. Kinder werden auf den Bahnhöfen in die Arme genommen, man hat warme Kleidung mitgebracht, etwas zu essen und zu trinken. Es werden Willkommensfeste gefeiert. Was denkt einer, wenn eine ganze Gesellschaft – oder eine halbe – sich auf die Socken macht, um den Vertriebenen zu helfen, ihre Not zu lindern. Niemand hat bisher den Kindern des Hartz 4 Empfängers einen Teddybär geschenkt, niemand hat für ihn den Dachboden oder den Keller durchkämmt nach Geschirr, Besteck, Teppichen und Couch, Lampen, Bilder, Handtücher, Blumenvasen, Kinderkleidung, Spielzeug. Vor diesen vielen netten und hilfsbereiten Menschen hat sich der Hartz 4 Empfänger eher versteckt, seine Armut vertuscht. Er ist arbeitslos und er hat aufgegeben. Das Jobcenter zwingt ihn hin und wieder in Jobs, in denen man für Knochenarbeit nichts verdient, ein Auto zur Verfügung stellen muss, ohne es vergütet zu bekommen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Agentur sind unfreundlich, vorwurfsvoll und oft gemein. In der Nachbarschaft wird wahrscheinlich gemunkelt, er sei faul, liege der Allgemeinheit auf der Tasche. Er fühlt sich gedemütigt, nein, er wird ständig gedemütigt, von den Medien, von Mitmenschen. Er fühlt sich wertlos, schutzlos und wehrlos. Continue reading

Volkswagen – Wer bezahlt?

von Christel Buchinger

18 Milliarden Euro Strafe für VW! Wegen eines kleinen Pfuschs bei der Abgasbestimmung. Ein Kavaliersdelikt. Oder? In Deutschland hätte danach kein Hahn gekräht. Aber die Amis machen Palaver! 18 Milliarden! Da hat auch ein Weltkonzern dran zu knabbern. Eine Schlappe für Winterkorn und ein Schlag für die Aktionäre. Aber auch für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Osterloh, nicht wahr? Osterloh wollte doch helfen, so hieß es, den VW-Konzern zum weltweiten Marktführer zu machen. Das ist zwar nicht die Aufgabe eines Betriebsrats, dieser sollte sich um die Interessen der Beschäftigten kümmern. Der Betriebsrat bei VW ist aber so gut integriert und so hoch identifiziert und dotiert, dass er die Interessen von Konzern und Beschäftigten gar nicht mehr auseinanderhalten kann. Und so wollte Osterloh helfen, indem er die Beschäftigten dazu bringt zu helfen, VW zum weltweiten Marktführer zu machen. Und die Beschäftigten? Die machen mit.

Das ist nämlich ein weiterer Effekt der Hartz 4 Gesetze: die Angehörigen der Kernbelegschaft können „ihren“ Betrieb nicht mehr verlassen, ohne massive Lohneinbußen zu riskieren. Gefesselt an den Konzern, schwindet ihre Verhandlungsmacht. Als nützliche Zwerge schwindet auch ihr Selbstbewusstsein. Und es setzt so etwas ein wie der „Stockholmeffekt“. Die Identifizierung mit dem Konzern ist nicht psychisch gesund. Sie setzt eine erkleckliche Selbsttäuschung voraus.

Keine zwei Monate ist es her, dass der Volkswagenkonzern in Wolfsburg und der Gesamtbetriebsrat von VW eine Vereinbarung über eine „effizientere Arbeits- und Prozessorganisation“ getroffen haben. Unter Begriffen wie „Kampf der Verschwendung“, „schneller und innovativer“, „effizientere Abläufe“ sollte die Ausbeutung der Belegschaft verbessert werden, was sonst? Natürlich ging es auch um höhere Arbeitszufriedenheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz, so die Fensterreden.

Jetzt wissen Osterloh und die fleißigen Beschäftigten, dass ihre Bemühungen wenigstens dazu gut sind, die Strafe in den USA zu bezahlen. Was muss passieren, damit sie begreifen, dass sie alles bezahlen?

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Bert Brecht

Befreiung oder neoliberale Freiheit?

von Christel Buchinger

Wenn eine linke, mehr noch eine sich marxistisch wähnende Zeitung über Prostitution schreibt, was erwartet man da?
Man könnte erwarten, dass über die Armutsflucht von Frauen aus Osteuropa direkt in die deutschen Puffs geschrieben wird.
Dass Frauen ihren Körper zur Nutzung durch Männer zur Verfügung stellen, um ihre Kinder zu ernähren, also aus wirtschaftlicher Not? Oder, was nicht selten vorkommt, weil sie von ihrer Familie, ihren Männern, ihren Vätern dazu gedrängt werden, sich als Zeitsklavin zu verkaufen?
Man könnte erwarten, dass über die Ökonomie der Prostitution geschrieben wird, wer daran verdient und wieviel, wie die sog. Laufhäuser organisiert sind, welchen Prozentsatz die Frauen an die „Unternehmen“ abliefern müssen. Da stecken große Skandale drin, wenn man nur wenig gräbt. Continue reading

Wow! Alles wird anders!

von Christel Buchinger

Auf zu den Fleischtöpfen – die Quote ist da!

Die Tore sind geöffnet, der Weg ist frei in die Hölle der Superreichen. Der oberen Zehntausend. Des einen Prozent. Die Bundesregierung hat’s beschlossen, der Bundestag wird sicher folgen. 30 Prozent Frauen in die Aufsichtsräte von 100 börsennotierten Unternehmen! Endlich kann es losgehen. Wir werden reich! Continue reading

Familie oder Beruf

In der Regionalbahn unterhalten sich zwei junge und eine ältere Frau. Die beiden jungen machen eine Ausbildung im Hotelgewerbe. Sie unterhalten sich, wie es wohl im Beruf laufen wird, wenn sie Kinder haben. Ihre Ausbildung macht ihnen Spaß, sie erwarten sich Lust oder Freude an der Arbeit. Der Konflikt zwischen beiden Wünschen: Kinder und Spaß und Entwicklung im Berufsleben zieht sich durch das ganze Gespräch. Noch hoffen sie, dass es gehen würde, dass beides schön würde. Aber die ältere Frau äußert große Bedenken: ja, auch sie habe diese Wünsche gehabt, aber am Schluss habe sie sich entscheiden müssen. Sie machte Kinderpause, dann ging sie auf Teilzeit. Sie ist nicht unglücklich, aber ihre beruflichen Träume hat sie begraben. Sie ist verheiratet, ihr Mann verdient nicht schlecht. Sie werden nicht verarmen. Aber berufliche Erfahrungen haben sie nur ein paar gemeinsam und in der Familie ebenso nur ein paar. Ihr Mann kümmert sich jetzt sehr intensiv um die Enkel und das macht ihn sehr glücklich. Er holt das nach, was ihm bei den eigenen Kindern versagt blieb, sie wachsen zu sehen, mit ihnen zu spielen, ihnen etwas weiter zu geben, sagt seine Frau. Was sie nicht sagt: Für sie gibt es kein Nachholen im Beruf.

Die Vernunft gebiert Ungeheuer

Veröffentlicht am April 26, 2013 von christelbuchinger

zum Beispiel der irrwitzige Glaube bzw. die irrwitzige Ideologie, erst die Teilnahme an Erwerbsarbeit mache den Menschen zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft” (gilt auch noch heute noch in seiner absoluten Form nur für Männer; Frauen werden nach dieser Vorstellung eh nie vollwertig)

So gesehen im S-Bahnhof Ostkreuz, Berlin: ein älterer, nein, ein ziemlich alter Mann, dem Aussehen nach um die 65, kehrt die Treppen und pickt mit einem Gerät Papier von den Stufen. Entweder er ist alt und arm, bekommt wenig Rente und muss sich was dazu verdienen. Oder er ist Hartz IV’ler und vom Jobcenter zum Ein-Euro-Job bei der Bahn verdonnert?
Ich frage mich, wieso dieser Mann seine restliche Lebenskraft und seine Lebenszeit nicht in seinem Garten verbringt? Seine Beete pflegt, einen Reisighaufen für Igel aufschichtet, Bohnen pflanzt und Äpfel erntet. Das wär für ihn selber besser, für seine Frau und seine Kinder und Enkel und – weil Kleingärten für die Stadtökologie sehr wichtig sind – auch für die Gesellschaft. Also warum, zum Teufel, muss er die S-Bahnsteige fegen?