Die Spaltung der Unteren

von Christel Buchinger

Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist in Gefahr? Von was wir reden und worüber wir schweigen, wenn wir darüber reden.
„Die Rechtsentwicklung in Deutschland und Europa ist ein Warnsignal für den Zusammenhalt der Gesellschaft“, diese Aussage hören wir öfter: von sozial eingestellten Menschen, linken PolitikerInnen, Sozialverbänden, Gewerkschaften.
Aber ist es nicht seltsam, wenn Linke in einer kapitalistischen Gesellschaft, den Verlust des Zusammenhalts beklagen? Um welchen Zusammenhalt soll es da gehen? Zwischen wem? Ist eine kapitalistische Gesellschaft nicht gespalten, tief gespalten in diejenigen, die von ihrer Hände, ihrer Köpfe, ja – und auch ihrer Herzen -Arbeit leben müssen und in diejenigen, die von der Arbeit anderer leben, der Arbeit jener Klasse, die für sie arbeitet und die sie „ausbeuten“? Ein Zusammenhalt einer solchen Gesellschaft nützt in erster Linie der herrschenden weil reichen und die Produktionsmittel besitzenden Klasse. Er ist Grundlage und Teil ihrer Hegemonie, weil er bedeutet, dass die Beherrschten die Herrschaft nicht in Frage stellen. Nun ist sicherlich mit dem genannten Zusammenhalt ein anderer gemeint und nicht der zwischen Beherrschten und Herrschenden. Es ist ein „Zusammenhalt“, der die Herrschenden ausblendet. Die Ausblendung derselben aber bedeutet, ihre Herrschaft nicht in Frage zu stellen. Continue reading

Advertisements

Begriffliche und sonstige Verwirrungen

Zu „Endlose Akkumulation“ von Jason w. Moore in Lunapark21 Nr. 32

von Christel Buchinger

Jason W. Moore „versucht in dem (…) Text, marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese zu bringen“, heißt es im Vorspann zu dem Artikel „Endlose Akkumulation? – Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums“ im Lunapark21 Nr 32. Könnte eine spannende Lektüre werden.

Aber schon die ersten beiden Sätze sind verstörend. „Jede Zivilisation muss entscheiden, was wertvoll ist und was wertlos. Marxisten sprechen hier meist vom ‘Wertgesetz’“. Sollte der Autor hat vom marxistischen Wertgesetz keine Ahnung haben?. Und er merkt nicht, dass er unterschiedliche Begriffe von ‘Wert’ benutzt. Das marxsche Wertgesetz handelt vom Wert der Waren. Dieser entsteht in dem objektiven Prozess der kapitalistischen Warenproduktion durch die Arbeit. Ob die ‘Zivilisation’ das ‘entscheidet’ oder nicht. Dann vollführt er eine Pirouette: es sei kein Begriff, der sich ohne weiteres auf die Tagespolitik beziehen oder auf die Geschichte des Kapitalismus anwenden ließe. Der Wert oder das Wertgesetz lassen sich nicht auf den Kapitalismus anwenden? Auf was denn sonst? Moore will marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese bringen? Den marxistischen Ansatz, das deutet sich hier an, versteht er aber gar nicht.

Also geht es zum Ökosozialismus. Da will Moore zuallererst das „Credo der Moderne“, die Trennung zwischen Mensch einerseits und Natur andererseits überdenken. Überdenkt er nun die Trennung oder die Zusammenführung mit dialektischer Methode? Nein! Er überdenkt sie gar nicht, er stellt sie nur fest, aber nicht in ihrer Widersprüchlichkeit sondern er konstatiert sie platt. Continue reading

Befreiung oder neoliberale Freiheit?

von Christel Buchinger

Wenn eine linke, mehr noch eine sich marxistisch wähnende Zeitung über Prostitution schreibt, was erwartet man da?
Man könnte erwarten, dass über die Armutsflucht von Frauen aus Osteuropa direkt in die deutschen Puffs geschrieben wird.
Dass Frauen ihren Körper zur Nutzung durch Männer zur Verfügung stellen, um ihre Kinder zu ernähren, also aus wirtschaftlicher Not? Oder, was nicht selten vorkommt, weil sie von ihrer Familie, ihren Männern, ihren Vätern dazu gedrängt werden, sich als Zeitsklavin zu verkaufen?
Man könnte erwarten, dass über die Ökonomie der Prostitution geschrieben wird, wer daran verdient und wieviel, wie die sog. Laufhäuser organisiert sind, welchen Prozentsatz die Frauen an die „Unternehmen“ abliefern müssen. Da stecken große Skandale drin, wenn man nur wenig gräbt. Continue reading

Ei, da können sich die Sexkäufer aber freuen, …

…denn: „Freier sind nicht das Problem“!

Die Junge Welt tut sich ansonsten ja nicht besonders hervor in der Diskussion um Prostitution. Wenn es aber Veröffentlichungen gibt, sind sie eher auf der Seite jener Neoliberalen, die für die Freiheit der Prostitution streiten, natürlich in Form des Kampfes für die Freiheit der Prostituierten. Den Freiheitskampf für die Prostitution lässt sich die Junge Welt gerne von einer Frau bzw. gleich von zweien führen, von der Autorin des Buches und der Rezensentin. Continue reading

Wow! Alles wird anders!

von Christel Buchinger

Auf zu den Fleischtöpfen – die Quote ist da!

Die Tore sind geöffnet, der Weg ist frei in die Hölle der Superreichen. Der oberen Zehntausend. Des einen Prozent. Die Bundesregierung hat’s beschlossen, der Bundestag wird sicher folgen. 30 Prozent Frauen in die Aufsichtsräte von 100 börsennotierten Unternehmen! Endlich kann es losgehen. Wir werden reich! Continue reading

Bürgermeister von Osaka: Sexsklaverei notwendig

Veröffentlicht am Mai 22, 2013 von christelbuchinger

Sie wurden Trostfrauen genannt. Das japanische Militär versklavte im Zweiten Weltkrieg 200.000 bis 300.000 Frauen aus Korea und China, um sie seinen Soldaten als Prostituierte zur Verfügung zu stellen. Trost für die Soldaten. Für die betroffenen Frauen gibt es bis heute keinen. Der Bürgermeister von Osaka, Hashimoto, ist ein besonders einfühlsames Kerlchen. Die Versklavung der Frauen sei notwendig gewesen, fand er kürzlich. Zitat: Wenn man Soldaten, die unter Bedingungen, bei denen Kugeln herumfliegen, wie Regen und Wind, ihr Leben riskierten, ausruhen lassen wollte, war ein System der Trostfrauen notwendig. Das ist jedem klar.” Mit anderen Worten: wenn die Umstände es erfordern, wird vergewaltigt. Typen wie Hashimoto vergreifen sich nicht nur im Ton, sondern, wenn es die Bedingungen zulassen, auch an Frauen. Man sollte ihnen jede Schlechtigkeit zutrauen.
Nur 30 Prozent der Frauen überlebten das Martyrium. Japan weigert sich bislang stur, Entschädigungen zu zahlen.
Ausführlicher Artikel in der Jungen Welt.

Feminismus wieder unter “Ferner Liefen”?

Zum Entwurf des Wahlprogramms der LINKEN

Leider ist es so, dass das, was ich 2011 geschlechterkritisch zum Programmentwurf der Linken sagte, für den Entwurf des Wahlprogramms auch noch gilt.

Wenn also die LINKE ihre Haltungen recycelt, tue ich das auch mit meinem Text. Hier ist er (veröffentlicht in Wolfgang Gehrcke (Hg), Alle Verhältnisse umzuwerfen … Eine Streitschrift zum Programm der LINKEN), PapyRossa Verlag 2011
—–
Die Umwälzung der Geschlechterverhältnisse und das Programm der LINKEN

Fehlt da nicht was?

– Naja, es fehlt mal wieder ein Geschlecht!
Ich höre schon den Widerspruch: stimmt doch gar nicht! Diesmal kommen Frauen relativ häufig vor; die Gleichstellung ist nicht unter den Tisch gefallen!
– Die Frauen meine ich auch nicht, ich meine die Männer!
Mein imaginiertes linkes Gegenüber protestiert sofort: „Wieso Männer? Männer sind doch immer gemeint, Männer sind doch nicht auf besondere Weise benachteiligt!“

Ach nein? Männer haben keine besonderen Probleme? Ihre Lebenserwartung ist geringer als die der Frauen, die Selbstmordrate höher, physische Gewalt geht meist von Männern aus und sie sind die Mehrzahl der Opfer. Sie sind als Homosexuelle stigmatisiert und sie bekommen nur selten Teilzeitstellen, wenn sie Vater werden. Keine besonderen Probleme? Doch! Aber geht das die Feministinnen etwas an? Continue reading