Wettbewerb führt zu Müll – auch in der Wissenschaft!

Wissenschaftler aller Fachbereiche veröffentlichen auf Teufel komm raus Ergebnisse ihrer Arbeit in möglichst hoch angesehenen Fachzeitschriften, dafür schönen sie die Ergebnisse, zum Teil werden sie sogar gefälscht. Das ist die Bilanz der Sendung „Publizieren um jeden Preis – Qualität in der Wissenschaft“ von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster, die am 27. April 2016 in SWR 2 Wissen lief. Der Skandal, der hier zur Sprache kommt, toppt den um Theodor von Guttenberg und seine Dissertation um einiges. Aber während Guttis Fälschung rauf und runter durch die Medien ging, spielt dieses Thema kaum eine Rolle.Ein Sonderheft von Lancet zur Lage der biomedizinischen Forschung aus dem Jahr 2014 mit dem provokanten Titel: „Increasing value, reducing waste“ – „Wert steigern, Abfall vermeiden“ sagt laut Sendung aus: „85 Prozent der biomedizinischen Forschungsergebnisse lassen sich nicht reproduzieren und genügen somit nicht wissenschaftlichen Kriterien“. Aber warum schönen und fälschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Ergebnisse. Nur wegen des Ruhms? Natürlich nicht, es geht ums Geld, es geht um – O-Ton der Sendung – „Den Geldhahn. An ihm hängen große Teile des Wissenschaftsbetriebes. Mehr als 240 Milliarden US-Dollar wurden 2010 in die biomedizinische Forschung investiert, die der menschlichen Gesundheit dienen sollte, rechnete der Lancet vor. Der Kampf um die Drittmittel ist hart. Nur wer interessante Ergebnisse produziert, kann auf eine Anschlussförderung hoffen.“

Und da liegt der Hase im Pfeffer. Die Zeiten, da Wissenschaft an Universitäten und Instituten staatlich finanziert war, in einem Umfang, dass man damit arbeiten konnte, sind längst vorbei. Ein großer Teil der Arbeitszeit von Wissenschaftlern geht heute dabei drauf, Forschungsgelder zu beantragen und damit unter Umständen die eigene Stelle überhaupt erst zu sichern. Sogenannte Drittmittel entscheiden darüber, wieviele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Professorin oder der Professor beschäftigen kann, welche Räume, Apparaturen und Mittel er sich leisten kann. Gezielt wurde schon vor zwanzig Jahren die öffentliche Forschung auf Wettbewerb umgestellt, Wettbewerb um Forschungsgelder. Das vergöttlichte Prinzip “Wettbewerb” – es geht dabei nicht um den sportlichen, sondern um den ökonomischen – wurde von der Wirtschaft auf die Forschung übertragen und ist unhinterfragbar. Wettbewerb um Reputation und Geld, eigentlich um Geld und Geld, denn bei der Reputation geht es auch um Geld: “Das sind schon Antriebskräfte, die auch negativ wirken können, aber unverzichtbar sind für ein notwendigerweise wettbewerblich angelegtes Wissenschaftssystem.” Notwendigerweise? Das will uns der neoliberale Ideologieschaum weismachen. Aber der Wettbewerb hat nun ganz offenbar dazu geführt, dass man 85 Prozent der naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse wegwerfen kann, denn was nicht reproduzierbar ist, das habe ich als Biologiestudentin gelernt, ist Müll.

Die Sendung drückt sich um die Erkenntnis, dass der Wettbewerb um Forschungsgelder die Wissenschaft zerstört. Dabei handelt es sich um eine besondere Form der Privatisierung, eine eigenartige Form. Nicht nur, dass es auch um private Gelder geht, auch die staatliche Förderung wird geleistet wie an Privatunternehmen. Und eine Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft, gegenüber den Menschen gibt es nicht.

Wissenschaft wird durch Privatisierung zerstört. Eigentum an Wissen zerstört das Wissen.

Quod erat demonstrandum.

Der Link zu der interessanten Sendung: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/publizieren-um-jeden-preis/-/id=660374/did=17147812/nid=660374/1a3iyv1/index.html

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