Begriffliche und sonstige Verwirrungen

Zu „Endlose Akkumulation“ von Jason w. Moore in Lunapark21 Nr. 32

von Christel Buchinger

Jason W. Moore „versucht in dem (…) Text, marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese zu bringen“, heißt es im Vorspann zu dem Artikel „Endlose Akkumulation? – Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums“ im Lunapark21 Nr 32. Könnte eine spannende Lektüre werden.

Aber schon die ersten beiden Sätze sind verstörend. „Jede Zivilisation muss entscheiden, was wertvoll ist und was wertlos. Marxisten sprechen hier meist vom ‘Wertgesetz’“. Sollte der Autor hat vom marxistischen Wertgesetz keine Ahnung haben?. Und er merkt nicht, dass er unterschiedliche Begriffe von ‘Wert’ benutzt. Das marxsche Wertgesetz handelt vom Wert der Waren. Dieser entsteht in dem objektiven Prozess der kapitalistischen Warenproduktion durch die Arbeit. Ob die ‘Zivilisation’ das ‘entscheidet’ oder nicht. Dann vollführt er eine Pirouette: es sei kein Begriff, der sich ohne weiteres auf die Tagespolitik beziehen oder auf die Geschichte des Kapitalismus anwenden ließe. Der Wert oder das Wertgesetz lassen sich nicht auf den Kapitalismus anwenden? Auf was denn sonst? Moore will marxistische, ökosozialistische und feministische Ansätze zu einer Synthese bringen? Den marxistischen Ansatz, das deutet sich hier an, versteht er aber gar nicht.

Also geht es zum Ökosozialismus. Da will Moore zuallererst das „Credo der Moderne“, die Trennung zwischen Mensch einerseits und Natur andererseits überdenken. Überdenkt er nun die Trennung oder die Zusammenführung mit dialektischer Methode? Nein! Er überdenkt sie gar nicht, er stellt sie nur fest, aber nicht in ihrer Widersprüchlichkeit sondern er konstatiert sie platt.

Den Feminismus führt er ein, indem er feststellt, der Moderne wären nicht alle Menschen vollwertig, vor allem nicht die Frauen. Später bezieht er sich noch auf Maria Mies, ohne dass sie ihm soviel „wert“ wäre, sie zu zitieren. Und zum Ende des Abschnitts findet Moore, für den Kapitalismus sei die wesentliche Unterscheidung sowieso nicht die zwischen Menschheit und Natur, sonder diejenige zwischen „zwei Sphären mit fließenden Grenzen – der Sphäre der Ausbeutung (..) durch Lohnarbeit und der Sphäre der Aneignung“. Ja, was jetzt? Die Trennung von Mensch und Natur also doch nicht das heilige Credo? Wozu dann der Aufwand? Aber in dem Satz steckt schon die nächste Mine. Die Sphäre der Ausbeutung und die Sphäre der Aneignung seien (wenn auch mit fließenden Grenzen) getrennt? Wie glaubt Moore denn, dass Ausbeutung funktioniere, wenn nicht durch die Aneignung des Arbeitsprodukts? Und wie meint denn Moore, dass die Aneignung der Natur möglich sei, ohne Lohnarbeit? Selbst die Ausstellung eines Landtitels wird von einem Lohnsklaven erledigt und nicht von dem Kapitalisten selber. Ohne Arbeitssklaven, Lohnarbeiter kann sich kein Kapitalist auch nur ein Körnchen Gold aneignen, keine Kohle, kein Öl, kein Gas, keine Mineralien. Und die Kolonien wären ihm gänzlich wertlos, ohne Menschen darin, die er ausbeuten kann. Nach dem ersten Viertel des Aufsatzes wird deutlich: Moore kennt sich mit marxistischen Kategorien nicht aus, gleichwohl wirft er mit den Begrifflichkeiten um sich, darauf vertrauend, dass der Marxismus von nur Wenigen noch verstanden wird.

Es geht dann weiter mit so grandiosen Sätzen wie: „Sowohl Ausbeutung als auch Aneignung zielen auf unbezahlte Arbeitsenergie“. Arbeitsenergie ist dabei was genau? Er sagt uns: sie kann in Form von Arbeitskraft (er meint wahrscheinlich die eines Menschen) genutzt werden und in Form von Arbeit eines Flusses, eines Wasserfalls oder eines Waldes! Ach! Der Wasserfall arbeitet also! Und der Fluss auch? Und der Wald? Der Wasserfall arbeitet für den Kapitalisten! Das würde man gerne mal sehen. Sicher kann man die Energie eines Wasserfalls in elektrische Energie zum Beispiel umwandeln. Aber das geht nur vermittels menschlicher Arbeit.In der Arbeit gestaltet der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur. So sagt es uns Engels. Außerhalb von Klassengesellschaften ist es ganz selbstverständlich, dass die Natur den Menschen kostenlos zur Verfügung steht. Umsonst. In Klassengesellschaften, im Kapitalismus also, schließen die Ausbeuter die Ausgebeuteten von der Nutzung der Natur aus und bedienen sich der so von den Produktionsmitteln Getrennten als Lohnarbeiter im Prozess der Produktion unter ständigem Input von Natur. Für die nun nur die Kapitalisten nicht bezahlen.

Nun ist schon ein Drittel des Aufsatzes geschrieben und außer Plattitüden, die teilweise auch noch Verhältnisse falsch wiedergeben, ist nichts herausgekommen. Einen ganzen Abschnitt widmet Moore dann der Diskussion von „Energie, Arbeit, Kraft und Arbeitsenergie“. Sein Ausgangspunkt (schon wieder einer!) sei „Richard Whites treffende Beschreibung von Energie, als dem Vermögen, Arbeit zu verrichten“. Oh heilige Einfalt! Und wie treffend! Energie, als Vermögen, Arbeit zu verrichten, ist die physikalische Definition und sie stammt sicher nicht von White! Und dann wirft Moore mit den physikalischen Begriffen um sich, vertauscht sie, benutzt sie gänzlich willkürlich. So ist Arbeit dasselbe wie Kraft, wenn sie (wer? Die Arbeit oder die Kraft???) auf einen Körper ausgeübt wird. Und Arbeitsenergie wird geleistet von einem Fluss? Meint er vielleicht die ‘Leistung? Sie entstehe auch durch organisches Leben, durch Photosynthese, durch die Jagd auf Beute oder die Geburt von Nachkommen. Die Arbeitsenergie? Was zur Hölle soll das?

Zwei Fünftel des Aufsatzes ist geschrieben und gelesen bis Moore uns mitteilt, seinen Begriff der Aneignung gebrauche er anders als Marx, „für den Aneignen Ausbeutung durch Lohnarbeit bedeutete“. Nein, lieber Herr Moore, für Marx ist Aneignen nicht das Gleiche wie Ausbeutung durch Lohnarbeit. Marx machte sich viel „Arbeit“ damit, die kapitalistische Warenproduktion zu durchschauen, hätte er sich mit Ihrer Definition zufrieden gegeben, wäre er schnell fertig gewesen und seine „Erkenntnis“ wäre ohne Folgen geblieben.

Allerdings ahnt man, dass Moore uns etwas sagen will. Es hat etwas mit ursprünglicher Akkumulation zu tun. Doch hat er Marx dazu wohl nicht gelesen. Er will uns sagen, dass diese ursprüngliche Akkumulation weiter stattfindet und immer mehr Bereiche umfasst, in immer größere Tiefen geht, bis ins Genom, in die Tiefen des Urwalds. Aber er hat Rosa Luxemburg nicht gelesen.

Zum Ende des Abschnitts „Bezahlte und unbezahlte Arbeit: ein Unverhältnis“ kommt er zu dem Schluss: „So betrachtet wird Wert von Menschen im Verbund mit dem Rest der Natur produziert. Wert auf diese Art zu begreifen, bedeutet, die Aneignung von billiger Natur und Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in ihrer Verbundenheit zu betrachten“. Soviel Aufwand für eine solche Plattitüde? Soviel Aufwand, und den Kapitalismus doch nicht richtig verstehen? Der Berg kreißte und gebar eine Maus! Ganz abgesehen davon, dass die Natur nun plötzlich billig ist, statt kostenlos.

Mehr als die Hälfte des Artikels liegt nun hinter uns und Moore kommt zu Schlussfolgerungen. Er will einige Rätsel in der Dynamik des Kapitalismus lösen. Nun ahnen wir schon: das geht schief. Er kommt auf die ‘Dialektik von bezahlter und unbezahlter Arbeit’ zu sprechen, die nach einer überproportionalen Ausdehnung der Aneignung im Verhältnis zur Ausbeutung verlange. Er erläutert diese Aussage nicht näher, weist aber darauf hin, dass er den Beitrag unbezahlter Arbeit und des Rests (???) der Natur (Ökosozialleistungen (???)) zur Akkumulation meint. „Quantitative Berechnungen (von wem???) der unbezahlten Arbeit – die überwiegend von Frauen geleistet wird (der Feminismus muss ja auch nochmal vorkommen, wenn man eine Synthese anstrebt, gell!!!) – liegen zwischen 70 und 80 Prozent des globalen Sozialprodukts, die der Ökosystemleistungen zwischen 70 und 250 Prozent.“ Diese Aussage würde in einem Unireferat unweigerlich zu einer fünf führen.

Er hat da was im Hinterkopf, hatte mal was gelesen oder gehört. 70 bis 80 Prozent. Jaja, Mister Moore. Das sind Zahlen der UNO. Aber nicht 70 bis 80 Proeznt des Weltsozialprodukts! Das wäre ein Hammer! Da wären die Frauen in der Subsistenzwirtschaft produktiver als die Industrie! Nein, es handelt sich dabei um die gesellschaftlich notwendige Arbeit, davon leisten Frauen 70 – 80 Prozent, aber sie produzieren dabei einen geringen Anteil des Weltsozialprodukts. Weil sie die weniger produktiven Arbeiten leisten und auch deshalb, weil ihre Arbeit nur unvollständig eingeht in dieses. Und die Ökosystemleistungen sind dann sogar um das zweieinhalbfache höher als das Weltsozialprodukt. Zusammen mit den Frauen – gar nicht auszudenken. Das Kapital produziert nur noch im Promillebereich, wenn diese Zahlen stimmten. Nein sie stimmen nicht, sie sind absurd. Den Rest des Artikels schenken wir uns; es wird nicht besser, sondern wirrer.

Bleibt die Frage, was ein solcher Beitrag im Lunapark zu suchen hat.

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