Unsere Werte??!!

von Christel Buchinger

Es war kaum auszuhalten: die Silvester- und Neujahrsreden strotzten nur so von “unseren Werten”. Keiner ließ sie aus – vom Landrat bis zum Präsidenten – alle mahnten, die Flüchtlinge seien angehalten, unsere Werte zu respektieren.

Unsere Werte? Es ist wohl gar nicht möglich, “unsere Werte” zu kritisieren, sie zu hinterfragen, gar ihnen zu widersprechen? Wer diese Werte nicht teilt, hat hier nichts zu suchen, so die Botschaft, die suggeriert, wir alle hier, hätten die gleichen Werte, verteidigten sie gar. Aber ich habe ganz sicher nicht die gleichen Werte wie Herr Seehofer, wie Bundespräsident Gauck oder die Kanzlerin. Nicht die gleichen Werte wie VW (Verantwortung und Nachhaltigkeit seien es, belügen sie uns auf ihrer Website), nicht die gleichen wie dieser Knasti vom 1. FC Bayern München, der Wurstfabrikant, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Meine Werten unterscheiden sich von denen der Bundeswehr und der Kriegsbefürworter, von denen der Hartz4-Erfinder und -Verwalter. Ich bin keine Freundin des Kapitalismus und seiner Art der Wertschöpfung.Unser Grundgesetz und alle unsere Verfassungen schützen im Übrigen alle Menschen hier davor, dass man ihnen aus ihrer Dissidenz zu den herrschenden Werten einen Strick dreht. Deutschland ist -Gott sei Dank – ein Rechtsstaat. Halten müssen wir uns an aufgeschriebene Gesetze, nicht an von irgendwelchen Harzbacken verkündeten Werten. Keine Partei, keine Polizei, keine Regierung kann uns auf ihre Werte einschwören (das Geheimdienstunwesen und die Berufsverbote müssen wir gedanklich hier außen vor lassen). Das nennt man Gewissensfreiheit, Freiheit des religiösen, politischen oder weltanschaulichen Bekenntnisses und zuletzt Meinungsfreiheit.

Wenn die Herrschaften vom rechten Flügel und vom rechten Rand die angekommenen Flüchtlinge auf “unsere Werte” verpflichten wollen, sollten wir dies ausdrücklich und heftig zurückweisen. Dieses Einschwören ist ein Angriff auf unsere Grundfreiheiten, die uns durch die Verfassungen garantiert sind. Sie sind demnach ein Angriff auf das Grundgesetz selbst.

Es gibt zudem überhaupt keinen Grund für diese Herrschaften, überheblich und selbstsicher auf ihre Werte zu verweisen. Deren Werte erlauben es offenbar, dass man die Umweltbehörden mit Abgassoftware über’s Ohr haut, damit den künftigen Generationen die Zukunft raubt, sie erlauben es, auf das Völkerrecht zu pfeifen, Kriege anzuzetteln am laufenden Band, zu lügen, die Steuer zu betrügen. Der Finanzminister kann sich ganz ohne schlechtes Gewissen über die Umsätze und Gewinne aus Prostitution, Drogen- und Waffenhandel freuen; seit neuestem werden sie in das Bruttosozialprodukt eingerechnet und senken so die prozentuale Neuverschuldung oder erlauben eine höhere. Diese Werte halten diese Leute zuletzt nicht davon ab, die Souveränität des eigenen Staatsvolkes mit TTIP und CETA, den Verträgen von Maastricht und Lisabon zu verkaufen.

Viele dieser Werte und ihrere Träger gründen noch heute tief im braunen Sumpf des sog. Dritten Reiches, des Nazifaschismus’. Da täuscht auch kein Trauern über die Opfer dieser Barbarei darüber hinweg. Wenn nämlich beim Gedenken über die Verbrechen neben den Opfern auch die Täter genannt werden sollen, wird es reichlich still um die Vergangenheitsbewältigung.

Zu “unseren” geliebten Werten gehört auch unsere Kultur. Die Operetten von Léhar zum Beispiel. Wie sind sie so heimelig und schön! Da macht es nichts, dass Lehár sich zum Büttel der Nazis machte, sich von SS-Sturmbannführer Hinkel protegieren ließ, sich von Goebbels und Hitler persönlich hofieren ließ. Das rettete sogar seine jüdische Frau. Es ist nicht überliefert, dass er kotzen musste, als seine Frau zur Ehrenarierin ernannt wurde. 1939 wurde die Operette Giuditta mit dem Song “Freunde, das Leben ist lebenswert!” im Beisein des Komponisten im Saarland aufgeführt. Die Judenprogrome kosteten schon vielen das Leben, es war spanischer Bürgerkrieg und am 1. September starteten die deutschen Faschisten den zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen. Lehár lässt sich im Saarland feiern und feiert die Nazis. Und heute wird er kommentarlos weiter gespielt und gesungen und alle wiegen sich in den Melodien – ohne einen Gedanken an die Verbrechen. So auch an Silvester 2015 in Kaiserslautern beim Konzert der deutschen Radiophilharmonie mit dem Pausengeplauder von Roland Kunz und standing ovations ausgerechnet für Lehár.

Es soll auch nicht darüber gesprochen werden, wer von den geachteten Politikern der jüngeren Vergangenheit, nach denen Flugplätze benannt wurden, die in den Parteiannalen als die Großen hervorgehoben werden, mit faschistischen Militärdiktaturen in Südamerika oder Asien, mit dem rassistischen Apartheitsstaat Südafrika gute freundschaftliche Beziehungen unterhielten, die die Rettung deutscher StaatsbürgerInnen unterließen, weil in Argentinien gerade die Fußballweltmeiserschaft ausgetragen wurde. Überhaupt: die Werte, die im Fußball gepflegt werden, insbesondere im Weltverband Fifa!

Wäre es nicht zum Schreien, könnte man lachen, wenn ein CSUler am Radio fordert, die Flüchtlinge müssten die Gleichberechtigung der Schwulen und der Frauen achten! Leute, wenn es um die Verachtung von Schwulen und Lesben ginge, wären die bayrischen Gefängnisse voll, aber nicht mit Flüchtlingen! Und die Gleichberechtigung der Frauen ist nur gut, wenn man sie gegen Muslime in Anschlag bringen kann, für die Durchsetzung von Lohngleichheit hilft sie nicht. Und auch in Deutschland, nicht nur in muslimischen Ländern, ist die häufigste Todesursache von Frauen zwischen 16 und 45 der Tod durch die Hand eines nahe stehenden Verwandten oder des eigenen Partners. Auch die Mörder haben Werte. Unsere!

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