Befreiung oder neoliberale Freiheit?

von Christel Buchinger

Wenn eine linke, mehr noch eine sich marxistisch wähnende Zeitung über Prostitution schreibt, was erwartet man da?
Man könnte erwarten, dass über die Armutsflucht von Frauen aus Osteuropa direkt in die deutschen Puffs geschrieben wird.
Dass Frauen ihren Körper zur Nutzung durch Männer zur Verfügung stellen, um ihre Kinder zu ernähren, also aus wirtschaftlicher Not? Oder, was nicht selten vorkommt, weil sie von ihrer Familie, ihren Männern, ihren Vätern dazu gedrängt werden, sich als Zeitsklavin zu verkaufen?
Man könnte erwarten, dass über die Ökonomie der Prostitution geschrieben wird, wer daran verdient und wieviel, wie die sog. Laufhäuser organisiert sind, welchen Prozentsatz die Frauen an die „Unternehmen“ abliefern müssen. Da stecken große Skandale drin, wenn man nur wenig gräbt.Man könnte erwarten, dass über die Geschlechterverhältnisse in einem Land nachgedacht wird, das zum größten Puff Europas wurde, in dem Frauen immer ihren Körper verkaufen und Männer immer die Käufer sind. Nie umgekehrt. Es gibt auch Männer, die ihren Körper verkaufen, aber auch da sind die Käufer Männer.
Man könnte die deutsche Politik kritisieren, die die Prostitution fördert, weil es ein großer Wirtschaftsfaktor ist und das Bruttosozialprodukt hebt, damit die prozentuale Verschuldung senkt, Steuern einbringt.
Man könnte erwarten, dass die Grauzone des Menschenhandels, der Sklaverei, der Zwangsprostitution, der Kinderprostitution, der Gewalt, des Mordens (ja!), die immer Begleiterscheinung von Prostitution sind, untersucht wird. Man könnte versuchen, die Profiteure und die Verbrecher beim Namen zu nennen.
Man könnte den Umgang mit Prostitution in anderen Länder untersuchen und vergleichen. Und man könnte natürlich auch darüber schreiben, dass diese bigotte Regierung bei ihrem Versuch, die Prostitution zu reglementieren, ausgerechnet beim schwächsten Glied, den Frauen, anfängt und die Prostituierten piesackt.

Nichts von alledem in der Jungen Welt. Dort hat Gitta Düpperthal eine dreiviertel Seite zur Verfügung, um so etwas Großartiges abzuliefern wie die Zusammenfassung einer Presseerklärung von Dona Carmen, einer Prostituiertenorganisation, man könnte auch Lobby sagen. Und wenn Dona Carmen ihre Empörung mit ein paar Sprüchen würzt, die bei Linken gut ankommen, ist alles in Butter?
Die Junge Welt ficht also nicht für die Befreiung der Prostituierten, sondern für deren neoliberales Recht des freien Marktzugangs. Bravo!

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