Was macht Sie glauben, dass die Lebenszeit von Schülerinnen und Schülern, Studierenden, Rentnerinnen und Rentnern, von Hausfrauen, Arbeitslosen und Armen weniger wert ist?

Der Brief ging per Mail an den Geschäftsführer der regionalen Anzeigenblätter. Der Name wurde anonymisiert

Respekt?

Sehr geehrter Herr N.N.,

Sie lassen einen Werbezettel Ihres Unternehmensverbundes mit dem Aufruf „Respekt!“ von Ihren Austrägerinnen und Austrägern verteilen. Offenbar fordern Sie oder erwarten von den Empfängerinnen und Empfängern Ihrer Werbezeitungen Respekt für die Arbeit, die jene tun. Das mutet etwas befremdlich an. Glauben Sie ernsthaft, dieser Respekt würde jemandem verweigert, der oder die eine Zeitung austrägt? Ich glaube das nicht. Hingegen: Könnte es sein, dass Sie von sich auf andere schließen? Ich fühle mich gedrängt, die Frage an Sie zu richten: Haben Sie Respekt vor der Arbeit Ihrer Austrägerinnen und Austräger? Was wäre der einfachste, offensichtlichste Ausdruck von Respekt für Ihre MitarbeiterInnen? Nach meiner Meinung wäre das eine ordentliche Bezahlung. Ich erinnere mich jedoch, dass noch kürzlich die Zeitungsverlage bei der Diskussion um den Mindestlohn von 8,50 Euro ein großes Geschrei erhoben, es drohe der Konkurs von Zeitungen, dadurch werde gar die Pressefreiheit beschädigt, Arbeitsplätze vernichtet. Sie und Ihre Mitstreiter haben sich durchgesetzt. Der Mindestlohn für ZeitungsausträgerInnen wurde in unverschämtem Umfang vermindert.

8,50 Euro, das ist ein Lohn, der bei einer Vollzeitarbeitsstelle nicht selten für den Stelleninhaber bedeutet, dass er zur Arge muss und ergänzende Sozialhilfe, Hartz IV nennt man das heute, beantragen muss. Mit anderen Worten, 8,50 Euro für eine Vollzeitarbeitsstelle reicht nicht zum Leben. Der Mindestlohn für ZeitungsausträgerInnen liegt ab Januar 2015 aber bei etwas mehr als 6 Euro. Ich erinnere mich, dass ich Ende der siebziger Jahre schon 10 Mark pro Stunde bekam, also fünf Euro. Seitdem sind fast 40 Jahre vergangen. Gehen Sie allen Ernstes davon aus, dass dieser Mindestlohn ein angemessenes Arbeitsentgelt ist? Sicher gehen Sie davon aus!

Der Arbeitslohn ist im Allgemeinen dazu da, Menschen den Lebensunterhalt zu sichern, die nicht von Kapitaleinkünften leben können und also gezwungen sind, zu ihrem Unterhalt ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Das heißt von einer Vollzeitstelle muss ein Mensch leben können. Das ist der Vertrag. Das ist das Geschäft zwischen ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen. Jeder Unternehmer, der sich aus diesem Vertrag herauswindet, betrügt die Menschen, die nichts haben, als ihre Arbeitskraft und gezwungen sind, ihre Haut auf den Markt zu tragen. Nur ein Lohn, der die Reproduktion der Arbeitskraft langfristig und auch für die nächste Generation sichert, sowie den Unterhalt der nicht (mehr) Arbeitsfähigen, ist ein angemessener Lohn im Kapitalismus.

Sie möchten den Austrägerinnen und Austrägern Ihrer Zeitung aber keinen Lohn zahlen, von dem sie leben können. Sie behaupten, ein höherer Lohn führte Sie in den Ruin, könnte Ihre Zeitung und Ihr Verlag und Ihr Unternehmensverbund wirtschaftlich nicht verkraften. Was verlangen Sie also von den Austrägerinnen und Austrägern, wenn Sie Ihnen weniger bezahlen? Sie verlangen, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zu ärmeren Teilen der Bevölkerung zählen, Ihr Unternehmen, die Gewinne, die Sie und Ihre Mitgesellschafter erwarten, durch ihren Lohnverzicht subventionieren. Denn so ist es tatsächlich. Alle Menschen, die ihre Haut zu Markte tragen und keinen Lohn bekommen, der zum Leben reicht, subventionieren jene Unternehmen, die diese Hungerlöhne bezahlen. Sie, die Eigner der Unternehmen möchten natürlich nicht durch Senkung Ihrer Gewinnerwartungen Ihre Unternehmen subventionieren. Denn Gewinne sind sakrosankt, Löhne nicht.

Wenn Ihre Zeitung sich nicht trägt, haben Sie mehrere Möglichkeiten. Die erste wäre eine marktwirtschaftliche. Sie gehen mit den Anzeigenpreisen hoch. Auch niedrige Anzeigenpreise werden indirekt durch die Zustellerinnen subventioniert. Aber sie trauen sich nicht, die Anzeigenpreise zu erhöhen oder ein Entgelt von den EmpfängerInnen der Zeitung zu fordern. Sie würden sich natürlich nie trauen, bei der Landesregierung Subventionen für Ihre Blätter zu beantragen. Sie sagen sicherlich, das geht alles nicht. Aber das Abspeisen mit einer schlechten Bezahlung, das geht. Sie lösen das Problem lieber auf dem Rücken derjenigen, die sich am wenigsten wehren können. Für mich heißt das, sie lassen sich nicht nur Ihre Zeitungen, sondern auch Ihre Feigheit, Ihr Nichthandeln und Ihr Versagen als Unternehmer subventionieren.

Außerdem glaube ich Ihnen nicht, dass Sie Konkurs machen müssten. Aber im schlimmsten Fall müssten Sie halt schließen. Jetzt würden Sie natürlich mit den Arbeitsplätzen argumentieren, die verloren wären. Sie wollen also, dass die Zustellerinnen auch die Löhne der anderen subventionieren; Sie stellen es jedenfalls so hin.

Ich kenne auch Ihre Argumente, dass diese Arbeit ja nur ein Zuverdienst sei, ein Zuverdienst, um sich gewisse Wünsche zu erfüllen, ein Zuverdienst für Rentnerinnen und Rentner, die eine zu geringe Rente bekommen, ein Zuverdienst für Schülerinnen und Schüler, weil sie sich etwas kaufen wollen, das ihre Eltern nicht finanzieren können oder wollen, für Studierende. Aber gerade da müssten Ihnen die Fragwürdigkeit Ihrer Argumentation doch selber auffallen. Über 50 Prozent der Studierenden müssen ihr Studium ganz oder teilweise selber finanzieren. Was macht Sie glauben, dass die Lebenszeit von Schülerinnen und Schülern, Studierenden, Rentnerinnen und Rentnern, von Hausfrauen, Arbeitslosen und Armen weniger wert ist?

Aber nicht nur Sie lassen sich Ihre Gewinne subventionieren. Wir alle, auch wenn wir darauf nur sehr begrenzten Einfluss haben, auch wir lassen uns subventionieren. Wir lassen uns unsere Urlaubsreise auf die Malediven, unseren SUV, unsere teuren Hobbies subventionieren. Und wir lassen uns unsere Unfähigkeit und unseren Unwillen, unsere Feigheit, für eine bessere Bezahlung zu kämpfen, subventionieren. Wir lassen uns unsere politische Inaktivität subventionieren. Subventionieren von all jenen Menschen, deren Dienste wir annehmen und die dafür einen Lohn bekommen, der zum Leben nicht reicht: die Mitarbeiter des Handwerkers, die aus Rumänien kommen und hier für ein Geld arbeiten, das einen Menschen hier nicht ernähren würde, dafür lange von ihren Familien getrennt sind. Von der Friseuse, die 6,50 Euro die Stunde bekommt und die bei einem Vollzeitjob, wenn sie alleinerziehend ist, zur Hartz IV-Behörde gehen muss, deren Kundenfreundlichkeit sprichwörtlich ist, um sich ihr Gehalt auf Hartz-IV-Niveau aufstocken zu lassen. Eine Vollzeitstelle ist bei Friseusen eine 40-Stundenwoche, nicht 38 oder 39. Für den Gang zur Behörde muss sie sich von ihrem wenigen Urlaub noch einen Tage nehmen, bisher zweimal im Jahr. Zwei Urlaubstage pro Jahr gehen für die Aufstockung mit Hartz-IV drauf. Der Chef, der Besitzer der Friseurkette, der profitiert davon. Aber auch wir, die wir nur 13 Euro, Männer sogar noch weniger, für die Kopfrenovierung zahlen müssen, haben etwas davon.

So geht es nicht nur dem Handwerker oder der Friseuse, so geht es den Menschen im Handel und in der Pflege. Überwiegend sind es im Übrigen Frauen, die von Minilöhnen leben sollen. Aber deren Kalorienverbrauch ist ja auch geringer.

In früheren Zeiten hätte ich Ihnen einen Brief geschrieben und das wär’s gewesen. Heute ist das anders. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen wie ich die Möglichkeit haben, ihre Gedanken im Internet zu veröffentlichen. Auf ihrem Blog, bei Facebook, auf Mailinglisten. Das werde ich tun. Es wird also nicht unter uns bleiben.

Wir leben nämlich in einer wunderbaren Zeit, einer Zeit, in der der Kapitalismus die größte Mühe hat, seine Profite anders als durch Gewalt, Kriege, Verbrechen und Betrug zu generieren. Die Zeitungsmacher gehören zu den Teilen des Kapitals, die das im Moment am unmittelbarsten spüren, ohne dass sie die Gründe benennen könnten oder Auswege wüssten. Wir leben aber auch in einer Zeit, in der die Unteren – noch – ein Instrument in der Hand haben, ein Instrument der Verständigung, der Informationsverbreitung, der Wissensaneignung. Ich meine das Internet mit seinen Möglichkeiten. Es wird leider der Tag kommen, wo uns dieses Instrument aus der Hand genommen werden soll. Aber noch haben wir es und noch dient es uns, uns zu organisieren, unsere Interessen zu finden. So wird vielleicht die größte Errungenschaft des Kapitalismus der letzten Jahrzehnte seinen Untergang besiegeln, weil die Menschen in der Lage sind, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Als Unternehmer wissen Sie, dass ein Mindestlohn alle binden würde und damit Wettbewerbsnachteile, die Sie fürchten müssen, wenn Sie alleine besser bezahlen, verhindert werden. Vernünftig wäre daher, für den Mindestlohn einzutreten, statt ihn zu bekämpfen. Dann könnten auch Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Respekt zollen.

Es grüßt Sie wütend aber auch hoffnungsvoll

Christel Buchinger

P.S: Meine Anfrage bei Ihrem Verlag, was die ZustellerInnen konkret verdienen, wurde bisher nicht beantwortet. Dann muss es in schöner Ungenauigkeit gehen.

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