Gabriele Kuby rettet die heilige Ehe

Veröffentlicht am Januar 20, 2014 von christelbuchinger

Wer kennt Gabriele Kuby? Linke eher nicht. Feministinnen eher nicht. Aber der Papst im Ruhestand, Ratzinger, der kennt sie. Gabriele Kuby ist eine unverdrossene Kämpferin gegen die wachsende Gefahr der „Geschlechtergleichstellung“, gegen Homoehen und – na klar – gegen ein liberales Abtreibungsrecht. Gabriele Kuby publiziert. Verschiedenes. Ihr Weg zu Maria (der Jungfrau) zum Beispiel. Und immer wieder Texte gegen die Gleichstellung der Geschlechter. Sie kämpft natürlich auch für etwas: die Familie. Der Kampf für die Familie – die klassische, Vater, Mutter, zwei Kinder, der Vater erwerbstätig, die Mutter höchsten teilweise, auf keinen Fall für die Homofamilie – ist sozusagen ihr Hauptantrieb und ihr Hauptargument im Kampf gegen die Geschlechtergleichstellung.

Nach ihrem Büchlein „Die Gender Revolution“ präsentiert sie uns nun abermals und wortreicher Gender Mainstreaming als globale Verschwörungstheorie. Ihr Verlag, der rechtskatholische Fe-Verlag, spendiert, so sieht es aus, einige Euros, um ihr neues Werk „Die globale sexuelle Revolution“ zu bewerben. „Wussten Sie, dass Gender-Mainstreaming seit 1999 ‘Leitprinzip und Querschnittsaufgabe’ der deutschen Bundesregierung ist?“, fragt die Werbebroschüre und man spürt, dass erwartet wird, dem Leser, der Leserin liefen die Schauer des Grauens über den Rücken. „…dass Gender-Mainstreaming nicht nur die Herstellung von ‘substantieller Gleichheit’ von Männern und Frauen anstrebt (igitt), sondern die Auflösung der Heterosexualität als Norm?“ Kuby trägt dick auf. Aus dem Recht von Kindern auf eigene Sexualität phantasiert sie die Proklamation von Kindesmissbrauch. Und neben EU und WHO sind auch die Yogis mit ihren „Yogyakarta-Prinzipien“ unterwegs, ebenso wie Bündnis 90/Die Grünen, um unsere Gesellschaft kaputt zu machen, unsere Kinder umzuprogrammieren, unsere Werte zu zerstören. So jedenfalls das Werbematerial, das vor einiger Zeit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beilag. Es offenbart dankenswerterweise genug, dass man es sich nicht antun muss, das ganze Buch zu lesen. Auch credo, das sich „ein Magazin zum Jahr des Glaubens“ nennt, und ebenfalls der FAZ beilag, gibt Kuby eine ganze Seite unter der Überschrift „Mann und Frau? Vergiss es!“. credo erscheint in Kooperation mit dem Osservatore Romano, der in Rom erscheint und das offizielle Verlautbarungsorgan des Vatikan ist. Einflussreiche und solvente Unterstützer also. Zu weiteren UnterstützerInnen im Einzelnen weiter unten ausführlicher.

Das Buch scheint recht schlicht gestrickt. Alle Übel des heutigen Kapitalismus, jedenfalls jene, die Frau Kuby in der Lage ist zu identifizieren, werden aufgezählt und der „Gender Revolution“ in die Schuhe geschoben. Nach Kuby drohen freie Homosexualität und Geschlechtsumwandlung für alle. Sie vertraut auf tief verwurzelte und reanimierbare Vorurteile, auf latenten Hass gegen Schwule und Lesben. Offenbar fühlt sie sich bestärkt durch die Massendemonstrationen in Frankreich gegen die Homosexuellenehe. „Die Zukunft gehört uns“, schreibt sie dazu in der Tagespost am 13.1.2013. Aber auch bei uns ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kriechen kann. Wie erfolgreich und schnell 100 000 Unterschriften unter eine homophobe Petition werden können, zeigt Baden-Württemberg. (Der übergroße Anteil der Unterzeichner bleibt allerdings – das ist interessant – anonym). Die Petition soll eine Veränderung des Unterrichtsplans verhindern. Kinder und Jugendliche ssollen sich nicht mit der Vielfalt sexueller Neigungen auseinandersetzen und Toleranz und Respekt lernen. Nein, Homosexualität und abweichende sexuelle Identitäten sollen wieder ins Reich des Heimlichen, der Krankheit, der Aberration gedrängt werden. Zur Behandlung freigegeben.

Sexuelle Freiheit ist für Kuby und ihre Freunde „der neue Totaliarismus des 21. Jahrhunderts“ und Schuld daran, dass Menschen depressiv werden, Angstzustände haben und Suizid begehen. Daran dass es immer weniger Kinder gibt, natürlich auch. „Was deiner Freiheit im Wege steht, wird dekonstruiert: die Geschlechtsidentität als Mann und Frau, die Moral, die Familie, die Kirche, die Heiligkeit des Lebens,“ so Kuby. Damit ist die Katze aus dem Sack.

Dagegen setzt Kuby die christliche Moral. Aber sie schwärmt uns nicht von einer neuen Moral in einer fernen Zukunft vor. Sie redet über die Vergangenheit, sie glorifiziert Zustände, die wir Älteren noch allzu gut kennen, unter denen wir gelitten, die uns nicht selten gequält und die wir darum kritisiert und bekämpft haben. Es soll zurück gehen zur festgezurrten Heterosexualität, zu klaren Zuschreibungen, was Mann und Frau seien oder zu sein haben, zurück zur katholischen Moral und zur christlichen Familie.

Alles würde gut, wenn alle Menschen sich der heterosexuellen Geschlechtsidentität unterwürfen. Zwei Geschlechter, Mann und Frau, die sich finden für ein ganzes Leben, nur Sex haben zum Zwecke der Kinderzeugung (letzteres findet zumindest ihr Bewunderer, der Expapst) und also die christliche Familie bilden.
Wer anders empfindet, gleichgeschlechtlich liebt, gar meint im falschen Körper zu leben, als Mann im Frauenkörper oder umgekehrt, dem wird mit der moralischen Keule seine Verwirrung ausgetrieben, bestenfalls eine Therapie angeboten. Die Heiligkeit des Lebens besteht für Kuby und ihre Gesinnungsgenossinnen und Mittäter darin, dass man den Lebenden – und zwar allen – ein katholisches Moralkorsett aufzwingt.

Doch wie kommen wir eigentlich dazu, der katholischen Kirche das Urteil über die Familie zu überlassen? Die doch ihren Priestern genau diese verbietet. Was wissen alle diese hauptamtlichen Katholiken über Familie, über Kinder? Aber es ist ja noch viel schlimmer. Hat nicht die katholische Kirche im faschistischen Spanien und in Militärdiktaturen Lateinamerikas tausende Familien zerstört, Kinder von ihren Müttern getrennt, wenn diese links oder kommunistisch waren? Geschwiegen, wenn Eltern ermordet wurden und sich daran beteiligt, die Waisen in reiche Familien zu vermitteln gegen gutes Geld? Katholische Organisationen, Nonnenorden, Krankenhäuser und Heime und möglicherweise auch einzelne Kleriker haben daran sehr gut daran verdient. In Spanien wird der katholischen Einrichtung für arme und ledige Mütter, der „Kongregation der Missionarinnen der Nächstenliebe“ (sic!), vorgeworfen, noch bis in die 80er Jahre, Kinder entzogen und auf dem Adoptionsmarkt verkauft zu haben. Aber die Adoption durch Homosexuelle ist des Teufels! Wo blieb da die Mutterideologie? Weiß Frau Kuby das alles nicht, oder hofft sie nur, dass wir es nicht wissen? Und was ist mit den weit verbreiteten sexuellen Gewalttaten gegen Kinder, die von Priestern und anderen Kirchenmitarbeitern ausgeübt wurden? Das waren doch im Zweifelsfall dieselben, die die Heiligkeit der Familie und der Ehe im Munde führten.

Die Zeiten, dass Kirche so viel Einfluss auf das Denken der Menschen hatte, dass beim Anrufen der „christlichen Moral“ das Denken aussetzt, sind Gottseidank vorbei. Aber Gabriele Kuby und ihre Freundinnen und Freunde sticken weiter am Gnadenbild der heiligen Familie. Den Schwerpunkt ihrer Aktionen haben sie aber verlagert, von der Kampagne „Kinder brauchen ihre Mutter“ und gegen öffentliche Kinderbetreuung hin zur Kampagne gegen die Homoehe und die Homosexualität. Dabei ist der Freundeskreis illuster und beherbergt alte Bekannte. Gabriele Kuby selber ist die Tochter aus erster Ehe des streitbaren linken, radikaldemokratischen Publizisten Erich Kuby. Ihre Positionen wurden ihr also sprichwörtlich nicht in die Wiege gelegt. Sie machte einige Umwege über fundamentalistische Evangelikale in den USA, deren Vorstellungen sie anhing bis zur rechtesten Ecke der katholischen Kirche, in der sie sich nach ihrer Scheidung einrichtete. Ihr Freundes- und Unterstützerkreis spricht Bände. Auf dem Werbeflyer ihres Buches sind einige Namen des homophoben Netzwerkes benannt, in dem sie sich tummelt.

Allen voran der damalige Papst Benedikt, einer der wenigen Päpste, die zu Ex-Päpsten wurden. Benedikt war als Kardinal Ratzinger Präfekt der „Glaubenskongregation“, deren älterer Name „Inquisition“ war und deren erklärte Aufgabe immer noch der „Schutz der Kirche vor Häresien“ (Ketzereien) ist. Als sie ihm persönlich ihr Buch überreichte, sagte Benedikt angeblich zu ihr: „Gott sei Dank, dass sie reden und schreiben!“ Und: „Frau Kuby ist eine tapfere Kämpferin gegen die Ideologien, die letztlich auf die Zerstörung des Menschen hinauslaufen.“

Dem Papst folgt auf dem Werbezettel Prof. Dr. Edith Düsing. Wikipedia nennt Edith Düsing „eine deutsche Philosophin mit Lehraufträgen an verschiedenen Hochschulen“. Spätestens seit 2003 hat sie keine Professur mehr inne und arbeitet als Dozentin. Sie selbst bezeichnet sich weiterhin als Professorin für Philosophie und Geistesgeschichte und sagt: „Ich habe das Buch in atemloser Spannung und seelischer Erschütterung gelesen“. Sie unterzeichnete die „Marburger Erklärung für Freiheit und Selbstbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände“, zu deren Erstunterzeichnerinnen die Kuby gehört. Dort lesen wir, dass wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass „ praktizierte Homosexualität ein erhebliches gesundheitliches und psychisches Risiko“ berge. „Dazu zählen überdurchschnittliche Anfälligkeit für AIDS, Geschlechtskrankheiten, Depression, Ängste, Substanzenmissbrauch (Alkohol, Medikamente und Drogen) und Suizidgefährdung.“ Deshalb sei es gerechtfertigt, sich „kritisch mit Fragen homosexueller Lebensweisen zu befassen“ oder therapeutische Hilfe zu suchen und anzubieten und es wird gefaselt von medizinischer Behandelbarkeit von Homosexualität. Den Lesben- und Schwulenverbänden wird mediales Mobbing und Verleumdung vorgeworfen, wenn sie für ihre Anerkennung und Gleichberechtigung eintreten und nicht im heimlichen Kämmerlein bleiben und sich grämen. Dass weltweit das größte Risiko, das Schwule und Lesben tragen, das der staatlichen und religiösen Verfolgung ist, ist natürlich keines Wortes wert.

Die nächste zitierte Unterstützerin ist Katrin Krips-Schmidt. Sie arbeitet bei der Tagespost,die nach eignen Aussagen, die einzige überregionale katholische Tageszeitung im deutschsprachigen Raum ist. Die Tagespost gilt innerkirchlich als „konservativ ausgerichtet“. Dort finden wir beispielsweise ein Interview, das sie mit einem Vertreter der Petrusbruderschaft führte. Diese Priesterbruderschaft wurde von Mitgliedern der Piusbruderschaft gegründet. Diese wiederumg ist ein Kreation von Bischof Lefebvre. Lefebvre ist am besten durch seinen Brief an Papst Johannes Paul II. charakterisiert, worin er schreibt, die Feinde der Kirche seien Juden, Kommunisten und Freimaurer. In Predigten bezeichnete er die für zehntausende Morde verantwortliche Militärjunta von Argentinien und die Diktatur in Chile unter Augusto Pinochet als unter einem religiösen Gesichtspunkt vorbildliche Regierungen und fand lobende Worte für die europäischen Faschisten Salazar, Pétain und Franco.

Der nächste Promotor des Buches ist Prof. Harald Seubert, Professor für Philosophie und Religionswissenschaft, auch er Unterzeichner der Marburger Erklärung. Er ist evangelisch. Seubert publiziert u.a. in der der NPD nahestehenden Zeitschrift MUT, der rechtsradikalen Jungen Freiheit und der rechtskatholischen Tagespost (s.o.). Ebenso publiziert er in Sezession, der Zeitschrift des sog. Instituts für Sozialpolitik, einer Denkfabrik der neuen Rechten. Muss noch viel mehr gesagt werden?

Danach kommt der dem Opus Dei nahestehende und im Vatikanstaat einflussreiche ehemalige Kardinal Giovanni Lajolo. Auf jeden Fall wird Lajolo auf der Website des Opus Dei häufig zitiert und er wiederum äußert sich lobend zum Gründer des Opus Dei.. Ansonsten ist man bei der geheimnisumwitterten katholischen Organisation lieber diskret und versucht still und heimlich den Nimbus einer reaktionären Geheimorganisation loszuwerden.

Ihm folgt – in diesem rechtsklerikalen Umfeld ein Paradiesvogel – Andre Sikojev, Bevollmächtigter der Russisch-Orthodoxen Kirche am Sitz der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages, othodoxer Priester und Filmemacher. Die Werbung für Kubys Buch scheint sein Coming out als religiöser Fundamentalist, Schwulenhasser und reaktionärer Familienideologe zu sein. Vorher ist er in dieser Weise wenig aufgefallen. Danach finden wir ihn wieder auf Jürgen Elsässers Compact-Konferenz zur Familie. Elsässer ist mittlerweile ganz rechts angekommen, polemisiert gegen Multikulti und den „Völkerbrei“. Auf seiner Konferenz trafen sich Thilo Sarrazin, militante Vertreterinnen der russischen Regierungspolitik gegen Homosexualität, Béatrice Bourges, radikale Schwulen-Ehe-Gegnerin, maliziöse Sprecherin des furchtbaren „Französischen Frühlings“ und unser Andre Sikojev, wetternd gegen Gender Mainstreaming. Wo er sich da wohl munitioniert hat?

Weiter geht’s mit Dr. Dariusz Oko, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Päpstlichen Universität Paul II in Krakau, einem bekennenden katholischen Fundamentalisten. Er findet: „Das Problem der Homoideologie und der Homolobby existiert nicht nur außerhalb der Kirche, ein analoges Problem existiert auch innerhalb, dort, wo die Homoideologie die Gestalt einer Homohäresie annimmt.“ Er unterstellt gerne eine Weltverschwörung der Homosexuellen. Und er lobt das Werk Kubys: „Die Autorin zeigt in ihrem Buch, dass der gewaltige Angriff, mit dem wir es heute zu tun haben, kein Zufall und keine Mode ist, sondern Teil eines globalen Plans, einer Weltstrategie, welche fundamentale Veränderungen des Menschen und der Gesellschaft durch fundamentale Veränderungen des Verstehens und Erlebens der menschlichen Sexualität anstrebt und bewirkt. Sie entlarvt die Wahrheit über die Gender-Ideologie, ganz ähnlich wie Kolakowski und Solschenizyn die Wahrheit über den Kommunismus entlarvten.“ Ein kämpferischer Unterstützer!

Und zum Schluss: Das Geleitwort schrieb Prof. Robert Spaemann, konservativer Philosoph, der auch schon einen Solidaritätsaufruf für die Junge Freiheit unterschrieb, als diese nicht auf der Leipziger Buchmesse hatte zugelassen werden sollen. Er schreibt: Das Wort „Gender Mainstreaming“ ist den meisten Bürgern unseres Landes nicht bekannt. Es ist ihnen daher auch nicht bewusst, dass sie seit Jahren von Seiten der Regierungen, der europäischen Autoritäten und einem Teil der Medien einem Umerziehungsprogramm unterworfen sind, das bei den Insidern diesen Namen trägt.“

Seit Januar weiß Kuby nun auch die Polnische Bischofskonferenz hinter sich, die sich mit einem Hirtenbrief klar gegen die Gender-Ideologie ausspricht und ihre Gläubigen und die Vertreter der kirchlichen Bewegungen und Verbände dazu aufruft, mutig gegen diese Ideologie zu handeln.
Es sieht so aus, dass wir das alles nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten, denn die Verbrüderung der Rechtsklerikalen mit den reaktionären Regierungen in den osteuropäischen Staaten, mit den Neuen Rechten und den neokonservativen Biedermännern (Claudia Pinl, Das Biedermeierkomplott) zeichnet sich ab, nicht zuletzt beim Compact-Kongress in Leipzig.

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