WAS, WENN BERLIN GAZA WÄRE ….

von christelbuchinger

„Was, wenn Berlin Israel wäre“, titelt heute (20. November 2012) „Berlins größte Zeitung“, die BZ. Ziel des Artikels ist wohl, Solidarität mit Israel hervorzurufen. Einseitige Solidarität mit Israel, versteht sich. Und bloß nicht mit Gaza. Dort sind zur Zeit über 100 Todesopfer der jüngsten israelischen Luftangriffe zu verzeichnen, fast alles Zivilisten, Kinder darunter. Aber eigentlich liegt der Vergleich Berlins mit Gaza viel näher als der Vergleich mit Israel. Wegen der Dichte der Besiedlung und weil vielen Berlinerinnen und Berlinern die Situation des Eingesperrtseins, als Westberlin unter der Blockade litt, noch in Erinnerung ist. Und vielleicht könnten sich die Berlinerinnen und Berliner vorstellen, wie eine jahrelange Totalblockade wirken würde? Wie es wäre, wenn die Berliner Regierung die jungen Männer nicht mehr im Griff hat, die Raketen basteln und rumballern? Wenn deswegen gleichzeitig jederzeit mit einem militärischen Schlag zu rechnen ist? Was wäre gewesen, wenn die Berlinblockade aus dem Ruder gelaufen wäre? Sie wurde stattdessen durch Verhandlungen zwischen den USA und der SU beendet.

Der Grund für den israelischen Angriff, die Operation „Wolkensäule“, sei der ständige Beschuss mit Raketen, die diverse politische Gruppen und Grüppchen aus Gaza abfeuern. Der ist nun eskaliert und bedroht nicht mehr nur den Süden Israels, sondern sogar Tel Aviv. Der Beschuss ist weniger effizient als die israelischen Angriffe, weil das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ einen Teil der abgeschossenen Raketen abfangen kann. Die restlichen reichen trotzdem aus, die israelische Bevölkerung zu terrorisieren. Aber dem Terror der zum Teil selbst gebauten Raketen ging der Terror der Besatzung voraus. Es ist der Alltagsterror, unter dem eine eingesperrte Bevölkerung leidet und verzweifelt. Unter dem Hass entsteht. Hass, der Raketen baut und abschießt, die nichts ändern können an der eigenen Situation, höchstens die Eskalaltion herbeiführen.

Auf einem Streifen von 40 km Länge, mit einer Breite zwischen 6 km und 14 km, und einer Fläche von 360 km², von der 14 Prozent landwirtschaftliche nutzbar sind, sind 1,7 Millionen Menschen eingesperrt.Sie können den Gazastreifen nicht verlassen, sie können kaum Handel treiben, brauche für alles israelische Erlaubnis. Mit 4000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist der Gazastreifen etwas dichter besiedelt, aber durch aus vergleichbar mit Berlin (3834 Ew/km²). Zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung sind nach Wikipedia Flüchtlinge, Vertriebene, die vor dem Palästinakrieg 1947 vor allem in Jaffa und Umgebung, im heutigen Israel lebten, und deren Nachkommen. Das macht ein Viertel aller von der UNO registrierten palästinensischen Flüchtlinge. Etwa eine halbe Million leben immer noch in Lagern. „Die Bevölkerungsdichte dieser Lager gehört zu den höchsten der Welt; so leben in dem Lager Beach bei der Stadt Gaza 80.688 Menschen auf einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer (zum Vergleich: Mumbai 31.214; Gaza-Stadt 14.658; Tokio 13.650; New York 10.532) (Wikipedia). Kann sich jemand bei uns das vorstellen? 81 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze. Über die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, das Durchschnittsalter beträgt 17,2 Jahre. Eingekerkert im Gazastreifen sind also hauptsächlich Kinder und Jugendliche; Israel führt Krieg gegen eingesperrte, wütende, enttäuschte, hoffnungslose und chancenlose Kids. Vor allem sie sind es, die sich in einen aussichtslosen Kampf stürzen, um ihre ausweglose Situation aushalten zu können. Die Situation ist aber auch für Israel ausweglos, solange die Bevölkerung ihre rechtsradikale Regierung, die mit allen Mitteln Groß-Israel ohne Palästinenser durchsetzen will, nicht zum Teufel jagt. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass im Meer vor Gaza große Gasvorkommen liegen? Und dass mit dem Mord an dem palästinensischen Sicherheitsschef nach den Worten des israelischen Friedensaktivisten Gershon Baskin „ein Präventivschlag gegen die Möglichkeit eines lange anhaltenden Waffenstillstands“ geführt wurde. Denn, wie das Essener Friedensmagazin aixpaix.de schreibt:

„aixpaix.de-Autor Gershon Baskin, der in den letzten Wochen zwischen israelischer Regierung und Hamas vermittelte, hat inzwischen in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ und in persönlichen Bemerkungen deutlich gemacht, dass es zur Lösung dieses Problems in den letzten Wochen nicht nur Verhandlungen, nicht nur einen fragilen Waffenstillstand, sondern obendrein noch einen handfesten Vorschlag der Hamas für einen ernsthaften und dauerhaften Waffenstillstand mit Israel gab – mitentwickelt ausgerechnet von Baskins Verhandlungspartner, dem Militärchef der Hamas – dem ersten gezielten Todesopfer der israelischen Gaza-Offensive!

Im Gegensatz zur israelischen Propaganda versichert Baskin, dass der Hamas-Führer für die Raketenangriffe der letzten Monate nicht nur nicht verantwortlich war, sondern obendrein seine Truppen in Marsch gesetzt hatte, um die Raketenabschüsse anderer Gruppen zu unterbinden! Musste der Militärchef wegen seiner Verhandlungsbereitschaft sterben, fragt Baskin mittlerweile verbittert und unverblümt. Sein Verdacht, der von anderen wie Uri Avnery und „Haaretz“ geteilt wird: Israels Ministerpräsident Netanyahu führt mit der Militäraktion Wahlkampf! Da müssen die Feindbilder passen und da kann es nicht sein, dass der Erzfeind Hamas auf einmal praktikable Lösungsvorschläge für ein Israel bedrückendes Problem schafft. Wenn das zutrifft, dann sterben jetzt Palästinenser und Israelis jetzt dafür, dass Netanyahu auf seinem Regierungssessel kleben darf!“

Bei alldem wird in der Presse nicht erwähnt, bei der BZ schon gar nicht, dass sowohl die Abriegelung des Gazastreifens als auch die Besetzung des Westjordanlands, der Siedlungsbau auf palästinensischem Gebiet, die Rechtlosigkeit der BewohnerInnen ein anhaltendes Verbrechen ist, gegen das Völkerrecht, gegen die Menschenrechte der Palästinenserinnen und Palästinenser. Und wer fremdes Gebiet illegal besetzt hält, kann sich nicht auf das Selbsverteidigungsrecht berufen, wenn er militärischen Widerstand erfährt, sagt der emeritierte Völkerrechtler Norman Paech.

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