Platz für Alpha-Mädchen!?

von Christel Buchinger

Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebenso wenig einen reinen Irrtum.

Friedrich Hebbel

Platz für Alpha-Mädchen!? oder die verzwickte Geschlechterfrage

Dass in den Vorständen und Aufsichtsräten der deutschen DAX-Unternehmen die Herren der Schöpfung weitgehend unter sich sind, ist auch ein Ausdruck dafür, dass Frauen in Deutschland nicht die gleichen Chancen haben wie Männer. Es ist sogar ein sehr auffälliger Ausdruck dafür. Und die Statistik zeigt offensichtlich, dass es die Alpha-Mädchen, die in die oberen Etagen drängen, ungleich schwerer haben, sich erfolgreich einen Platz zu erobern, als beispielsweise Chemikerinnen eine Professur zu ergattern. Töchter haben es dank öffentlicher Förderprogramme heute einfacher, Vatis Mittelbetrieb zu übernehmen, als Managerinnen einen Vorstandsposten zu erjagen. Das macht viele Ladies ärgerlich. Einige von ihnen sind selber durch die Frauenbewegung geprägt, auf andere hat sie abgefärbt. Insbesondere lockt mit diesen Posten ja Einfluss und vor allem Geld. Da wird man schon mal egalitär, auch wenn man ansonsten nicht unbedingt für Gleichheit eintritt. „Seit über 60 Jahren gilt in Deutschland laut Grundgesetz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. In der Realität ist die Gleichstellung allerdings noch lange nicht verwirklicht. Die anhaltende Benachteiligung von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen steht damit im Widerspruch zu unserem Grundgesetz und zu internationalem Recht.“, erklären Politikerinnen und Unternehmerinnen Ende letzten Jahres zu Recht in der Berliner Erklärung. Etwas verwunderlich für all diejenigen, die seit dreißig oder fünfzig Jahren für Gleichberechtigung kämpfen, erscheint, dass der „erste Schritt“ ausgerechnet „eine Quote bei den Aufsichtsräten der börsennotierten, mitbestimmungspflichtigen und öffentlichen Unternehmen“ sein soll. Aber gut, man greift auf, was einem am nächsten liegt. Das ist bei den Aufruferinnen durchaus nachvollziehbar die Aufsichtsratsquote.

Wer hat Recht?

Was aber treibt linke Bundestagsabgeordnete dazu, diese Erklärung mit zu initiieren und mit Verve zu unterstützen? Aufrufe über Mailinglisten zu versenden, die die Parteimitglieder ebenfalls zur Unterstützung anzuhalten? Natürlich gibt es die Verlockung, als Abgeordnete mal nicht an den Katzentisch verwiesen zu werden und von einer fraktionsübergreifenden Initiative nicht ausgeschlossen zu sein wie ansonsten immer. An der Basis der Linken – sofern sie den Vorgang überhaupt zur Kenntnis nimmt – gibt es hingegen Kopfschütteln. Und eine Gegenerklärung aus NRW kritisiert die Beteiligung der linken Abgeordneten heftig. Wie so häufig in der Linken (nicht nur derjenigen mit Großbuchstaben), entstehen zwei mehr oder weniger unversöhnliche Gruppierungen mit entgegengesetzten Positionen, von denen jede glaubt, Recht zu haben und die andere natürlich Unrecht. Die einen sind überzeugt, einen wichtigen, ja unverzichtbaren Schritt in Richtung mehr Gleichberechtigung getan zu haben, die anderen monieren, damit sei den schlecht bezahlten Frauen, den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten nicht geholfen. Und wer hat nun Recht in dieser Frage?

Lob der Dialektik

Obwohl sich die Vorväter Marx und Engels, auf die sich viele Linke berufen, nicht nur das Verdienst erworben haben, die Hegelsche Dialektik gut zu verstehen und anzuwenden, was zu einem hohen Lesegenuss führt, sondern auch, die Dialektik vom Kopf auf die Füße zu stellen, indem sie zeigten, dass die Realität sich in Widersprüchen bewegt, die Dialektik also hilft, die Wirklichkeit (besser) zu verstehen, zu verstehen, dass nichts existiert, das nicht in sich widersprüchlich ist, sich in Widersprüchen bewegt und entwickelt und Widersprüche hervorbringt. Es folglich eines nicht gibt: einfache, absolute und ewige Wahrheiten. Die Linke, und nicht nur die kommunistische, die sich da besonders hervortat, hat allerdings seit jeher einen gut Teil ihrer Energie und Zeit darauf verwandt, absolute Wahrheiten zu behaupten und sich darüber in Strömungen und Parteien zu zerstreiten. So auch in diesem Fall?

Die Pro-Seite

Fangen wir bei der Pro-Seite an, den Mitinitiatorinnen der Berliner Erklärung. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass die Forderung nach Quotierung „bis hin zu Vorständen und Aufsichtsräten“ so im neuen Programm der Linken steht. Sie steht dort in Verbindung mit einer allgemeinen Quotierungsforderung. Das weist darauf hin, dass es um einen Aspekt der Veränderung der ungerechten Geschlechterordnung in Deutschland geht. Wenn man es sich aussuchen könnte, wäre die Quotierung von Aufsichtsratsposten sicher nicht der Anknüpfungspunkt vorrangig für die Linken. Aber wenn man es sich nicht aussuchen kann? Es gab eine Initiative von Unternehmerinnen und ihren Verbänden, die über eine Bundestagspetition den Stein ins Rollen brachten. Sollen die linken Abgeordneten dann sagen: „Och, es steht zwar in unserem Programm, aber das ist jetzt nicht der Punkt, der uns in erster Linie interessiert. Macht mal alleine!“? Wenn man sich das vorstellt, spürt man schon, dass das nicht ginge. Sich auf sein Gespür zu verlassen, ist im Übrigen oft gar nicht dumm, weil das Gespür von sich aus spontaner dialektisch funktioniert als der Verstand, der es oft erst lernen muss. Also man kann da unmöglich nein sagen. Aber gibt es dafür Gründe, die unser Verstand akzeptieren würde?

In der Erklärung heißt es: „Deshalb treten wir in einem ersten Schritt für eine Quote bei den Aufsichtsräten der börsennotierten, mitbestimmungspflichtigen und öffentlichen Unternehmen ein.“ Wenn es den Initiatorinnen von der Unternehmerinnenseite vielleicht am ehesten um die privaten Unternehmen geht, sollte es linken Unterstützerinnen vorrangig um die öffentlichen Unternehmen zu tun sein. Und da gibt es tatsächlich eine Handlungsnot. Müssen nicht linke Frauen mit Vehemenz dafür eintreten, dass die Vorstände und Aufsichtsräte öffentlicher Unternehmen demokratisiert werden und also auch quotiert? Hier ist es geboten und an der Zeit, das zu fordern in all den Bereichen, die in Zukunft heiß umkämpft sein werden: Unternehmen der Daseinsvorsorge, der Wasserver- und -entsorgung, Elektrizitätsunternehmen, Netzeigner, Bahn, öffentlicher Nahverkehr, Gesundheits- und Bildungswesen nicht zu vergessen. Hätten all jene Abgeordneten der LINKEN, die über Mailinglisten und in Infobriefen zur Unterstützung aufgefordert haben, dies in den Vordergrund gestellt, sie hätten wahrscheinlich offene Türen eingerannt. Diese Forderung würde nicht nur den Frauen nützen, weil es die Geschlechterordnung verändert, sondern der ganzen Gesellschaft, weil es das gesellschaftliche Kräfteverhältnis beeinflusst.

Doch wiederum muss Illusionen entgegen gewirkt werden. Es gibt auch hier keine Garantie für Erfolg; es handelt sich nur um einen Eingriff in ein Widerspruchsverhältnis, die Wirkungen kennen wir nicht, und ob es die gewünschten sein werden, wissen wir nicht. Denn es gibt Erfahrungen, die uns warnen müssen. Die betriebliche Mitbestimmung, die Montanmitbestimmung waren heiß umkämpft und wurden gegen große Widerstände von der Arbeiter(innen)bewegung durchgesetzt. Die in die Aufsichtsräte der Unternehmen durch die Gewerkschaften entsandten Mitgliedervertreter (zu sehr großen Anteilen Männer) waren nicht unbedingt Garanten für die Interessenvertretung der Beschäftigten. Im Gegenteil: in letzter Zeit wurden diverse auch schlüpfrige Skandale und Skandälchen offenbar. Da hat dann schon mal das Unternehmen den Bordellbesuch oder Call Girls finanziert, da wurden Insiderkenntnisse für Börsenspekulationen genutzt und es floss Geld. Die Entsendung von Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräte führte zur reibungsloseren Einbindung der Gewerkschaften unter die Unternehmensinteressen und Kapitalstrategien.

Und die Kontra-Seite

Kommen wir zur Kontra-Seite. Offensichtlich herrscht bei den Unterzeichnerinnen der Erklärung aus NRW kein Verständnis für die Unterstützung der Berliner Erklärung. Und in ihrem Übermaß an Abgrenzung und Empörung monieren sie sogar, dass die Abgeordneten sich auf den Kompromiss und ersten Schritt „30 Prozent Frauen in die Vorstände und Aufsichtsräte“ eingelassen haben. Das wäre nun allerdings nur zu kritisieren, wenn man ansonsten mit der Forderung einverstanden wäre und das ist man ja gerade nicht. Also gehen wir nicht auf den Schienbeintritt ein.

Recht haben die Unterzeichnerinnen damit, dass es nicht egal ist, ob man die Gefühle jener Frauen verletzt, die wissen, dass sie von den Vorständen und Aufsichtsräten, also den Oberen, nichts Gutes zu erwarten haben, jener Frauen, denen es egal ist, ob die Aufkündigung des Tarifvertrags auch von Frauen mitgetragen oder die Kündigung von einer Vorstandsfrau ausgesprochen wird. Die Mitarbeiterinnen von Schlecker oder von Charité Facility Management, die um eine tarifliche Bezahlung kämpfen, werden wohl kaum die Forderung stellen, dass ihre Gegner in den Chefetagen bitte die Quotierung durchsetzen sollten. Oder doch? Was bedeutete es, wenn die Schleckermitarbeiterinnen die Frage der besseren Bezahlung in Frauenberufen nicht an den Vorstand insgesamt, sondern an die weiblichen Mitglieder richtete? Jene, die aufgrund einer Quotierung, also einer politischen Maßnahme, die demokratisch durchgesetzt werden musste, auf ihren Posten gelangten? Könnte es sein, dass Frauen in Führungspositionen die Bedingungen für Auseinandersetzungen ein klitzekleinwenig für die Unteren verbessern würden? Wie dem auch sei, es ist ein bitterer Beigeschmack für die zu spüren, die empfindsam bleiben. Die Abgeordneten der LINKEN machen sich nicht die Mühe, das Für und Wider dieser Aktion für jene Frauen in der Partei und im Umfeld offen zu legen, deren Unterstützung und Unterschrift sie einfordern. So entsteht der Eindruck – das habe ich aus mehreren Gesprächen gehört -, dass sie sich abgrenzen von der Basis und sich an die Seite der Abgeordneten, Unternehmerinnen und Verbandsvorsitzenden stellen, die diese Initiative auf den Weg brachten. Und das hieße implizit, die Solidarität mit den Frauen, die mühsam um ihre Rechte und um bessere Bezahlung kämpfen, in Frage zu stellen oder gering zu schätzen. Abgeordnete einer linken Partei sollten das bedenken, bevor sie bedenkenlos die Unterstützung der Basis erwarten.

Aber auch die Kämpferinnen aus NRW sind zum Teil schief gewickelt. „Wir dürfen als Linke nicht den Eindruck erwecken, hier würde für die Frauen etwas getan“. Wird für die Frauen wirklich nichts getan? Frauenverachtung wirkt nicht nur im Lohngefüge, bei der Stellensuche, beim Zugang zu Bildung, bei der Gewalt gegen Frauen und die immer noch vorhandenen und neu auflebenden Versuche, ihnen sexuelles Selbstbestimmungsrecht abzusprechen. Sie wirkt auch im symbolischen System, in der Kunst, den Medien und in der Außendarstellung von Organisationen und ihrer Repräsentanten. Dass jahrzehntelang eine Bundeskanzlerin undenkbar war, hat sich auch das Selbstbewusstsein ganzer Frauengenerationen ausgewirkt und sei es nur, dass man ständig betonen musste, Frauen könnten alles, was Männer auch können. Nun haben wir eine Bundeskanzlerin, wir haben Frauen in diversen öffentlichen Führungspositionen. Das hat Auswirkungen auf das Frauenbild in einem Land. Dabei ist interessant, dass die Gegnerschaft zu Angela Merkel, die wohlbegründet ist, gerne auch frauenfeindliche Witze bei ansonsten ehrenwerten Kabarettisten hervorlockt. Frauenfeindlichkeit, Sexismus richtet sich gegen alle Frauen (und alle von der Norm Abweichenden). Aber Witze auf Kosten von Angela Merkels Busen und Guido Westerwelles Homosexualität bestätigen das menschenfeindliche Geschlechterregime, das uns ärgert, unter dem wir leiden und das für manche lebensgefährlich oder gar tödlich ist. Wer ein anderes Geschlechterregime will, muss heute dafür eintreten und überall. Muss es selber leben, bereit zur Selbstveränderung sein. Und darf symbolische Aktionen nicht unterschätzen.

Und das dazwischen?

Was heißt das für Forderungen, die man aufstellt? Nur ein Mann kann Papst werden. Nur Männer können das katholische Priesteramt erlangen. Müssen wir deshalb fordern, dass auch eine Päpstin möglich sein muss? Oder gar, dass es eine quotierte Doppelspitze in der katholischen Kirche bräuchte? Schöne Forderung! Aber wer sollte dafür eintreten? Auch die Atheistinnen, Buddhistinnen, Musliminnen? Ich würde die Forderung sofort unterschreiben. Nicht, weil mir die Forderung toternst wäre, sondern weil die Forderung an sich schon dissident ist, erhellend und aufwieglerisch. Die Verhältnisse zu erhellen, ist richtig, sie zu verdunkeln, falsch. Linke müssen die Erhellung anstreben und das auch bei ihren Forderungen beachten.

Die Begründung desAppells soll deshalb noch einer Prüfung unterzogen werden: „In gemischten Führungsgremien können Frauen und Männer zu besseren Entscheidungen kommen, gemischte Teams steigern den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen. Das belegen nationale und internationale Studien.“ Wirklich? Um welchen Erfolg geht es da? Aktienwerte? Na klar, in börsennotierten Unternehmen geht es nur noch um den Shareholder Value, den Aktienwert. Das wird allenthalben beklagt. Und diese Erfolge, nun besser und schneller erreicht durch Frauen, richten sich gegen die Beschäftigten. Solche Erfolge können wir uns nicht wünschen.

Manchmal sind Entscheidungen nicht einfach und ob der Effekt der gewünschte sein wird oder ein anderer, ist nicht klar. Deshalb ist es gut, intensiv zu diskutieren, die verborgenen Widersprüche offen zu legen, die Fallstricke zu identifizieren. Aber die Vielen, die mit diskutieren, ihre Sichtweise einbringen, sind dabei hilfreich und nicht lästig. In allem geht es darum zu lernen. Denn wenn wir es ernst damit meinen, dass die Veränderung der Verhältnisse einhergehen muss mit der Selbstveränderung, dann geht das nicht ohne lernen. Und das meinen wir doch ernst?

Überhaupt die Selbstveränderung

Gerhard Branstner (http://diehornisse.de/4639/index.html#11) wies uns in seiner oft drastischen Art darauf hin, dass der Sprung von der Klassengesellschaft zur klassenlosen Gesellschaft, die wir Sozialismus nennen wollen, von Menschen vollzogen werden muss, die durch 2000 Jahre Klassengesellschaft deformiert sind. Daher seien mehrere Anläufe notwendig. Notwendig ist auch die Selbstveränderung im Prozess der Veränderung der Gesellschaft. Und Marx sagt ganz wunderbar: „Die materialistische Lehre, dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergisst, dass die Umstände eben von den Menschen verändert werden und dass der Erzieher selbst erzogen werden muss.“ Hinweise rechtschaffen linker Menschen, Frauen in Aufsichtsräten würden weder bei der notwendigen Enteignung der Banken (zum Beispiel) helfen, noch die Armut der Rentnerinnen und der Kassiererinnen beseitigen, wärmen die doofe, alte maoistische These vom Haupt- und Nebenwiderspruch wieder auf. Ihnen muss entgegnet werden, dass der Kampf für eine menschlichere Gesellschaft notwendig von Anfang an und dauerhaft Kampf gegen die patriarchale Kultur beinhalten muss, sonst wird es nix werden mit der menschlicheren Gesellschaft. Die ersten Anläufe in den Sozialismus haben das gezeigt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s